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made in china: glasklare produktion teil 4 • arbeitszeiten & löhne

Wie wird ein fairer Lohn berechnet und wie steht es eigentlich um die Arbeitszeiten in der Provinz Zhejiang? In Teil IV unserer Updates zu soulbottles steel aus China erklärt euch Gründer Paul, wie wir mit unseren Partnern vor Ort daran arbeiten, die Bedingungen in unserer Produktion weiter zu verbessern.

Hier kommt der (vorerst) letzte Artikel aus unserer kleinen Serie mit Blick hinter die (Produktions)-Kulissen unserer neu gelaunchten soulbottles steel. Die vorigen Artikel zu den Themen Brandschutz, Arbeitsschutz und unserer Motivation und größeren Zielen habe ich euch verlinkt. 

Bei soulbottles sind uns Fairness, Respekt und Transparenz sehr wichtig. Egal ob Produktionsbedingungen oder Gehälter, wir spielen mit offenen Karten: alle Mitarbeitenden haben Einblick in betriebswirtschaftliche Auswertungen, Protokolle u.ä. und haben die Möglichkeit, Themen mitzubestimmen und Prozesse zu verändern. Von unserer Philosophie möchten wir möglichst viel an unsere Produktionspartner*innen weitergeben: Egal ob in Thüringen oder in Zhejiang.

Neben vielen anderen Faktoren sind auch angemessene Löhne ein Zeichen von Respekt und Fairness

soulbottles in china: wie sieht fairer lohn aus?

Deutschland hat im weltweiten Vergleich einen relativ hohen Mindestlohn. Die meisten anderen Länder weltweit haben ein vergleichsweise niedrigeres Lohnniveau. Das heißt nicht automatisch, dass diese unfair sind. Häufig sind zum Beispiel auch die Lebenshaltungskosten niedriger.

An Orten, wo Mindestlöhne niedrig oder nicht existent sind, achten wir besonders darauf, dass die Menschen, die unsere Produkte produzieren, faire Löhne erhalten. Doch „fair” bedeutet nicht nur „überdurchschnittlich” oder „mehr als der Mindestlohn”.

Unsere Partnerfabrik steht in der Region Zhejiang, südlich von Shanghai. Wie viele küstennahen Regionen Chinas hat auch auch Zhejiang einen höheren Durchschnittslohn als ländliche Regionen. Der gesetzliche monatliche Mindestlohn beträgt 1800 ¥ (rund 231 €).

Wir orientieren uns am Living Wage (dt. existenzsichernder Lohn). Dieser wird von unabhängigen Organisationen für Regionen weltweit ermittelt und beschreibt einen Lohn, den es für ein angemessenes Leben benötigt. Darin mit einbezogen sind Miete, Kosten für Lebensmittel, Kleidung, Transport, Gesundheitsfürsorge, und die Vorsorge für unerwartete Ereignisse. Der Living Wage in der Region Zhejiang beträgt pro Monat etwa 4200 ¥ (540 €). Ihr seht, da ist ein deutlicher Unterschied zwischen Mindestlohn und existenzsicherndem Lohn. Die Rechnung ist nicht 100 % präzise, da der angegebene Living Wage in der Hauptstadt Hangzhou ermittelt wurde, das Leben dort ist deutlich teurer als in der Region drum herum.
Schon bevor wir mit der Zusammenarbeit für unsere soulbottles steel begonnen haben, haben wir auf die Löhne geschaut. Im Durchschnitt verdienen Arbeiter*innen in unserer Produktionsstätte 4500 ¥ (578 €) im Monat. Das klingt vermutlich für viele immer noch sehr niedrig, ist aber in unseren Augen in dieser Region angemessen und überschreitet den berechneten existenzsichernden Lohn. Eine gute Basis also, um gemeinsam weiter an dem Thema zu arbeiten.

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fair sind löhne nur im verhältnis zur arbeitszeit

In meinen Augen ist eine der größten Herausforderungen, die wir in vielen Fabriken in China gesehen haben, das Thema Arbeitszeiten. Das chinesische Gesetz schreibt eine maximale Arbeitszeit von 44 Stunden pro Woche vor. In der Realität sieht das in vielen chinesischen Unternehmen allerdings ganz anders aus. Das gilt nicht nur für Edelstahlflaschen, sondern für viele Produkte, die in China hergestellt werden.

In vielen Fabriken arbeiten Angestellte sechs bis sieben Tage die Woche und deutlich mehr als 44 Stunden gesetzlich erlaubte Arbeitszeit. Diese Praxis ist auf Dauer psychisch und physisch schädlich, so die International Labour Organization (ILO). Und obwohl die chinesische Regierung die Richtlinien der ILO anerkannt und in nationale Gesetze überführt hat, gibt es immer noch Workarounds und es fehlt an Kontrollen.

Unternehmen können Gesetze zur Regulierung von Arbeitszeiten umgehen, indem sie beispielsweise Subunternehmen beauftragen. Diese übernehmen die volle Verantwortung für alle Mitarbeitenden, deren Arbeitszeiten und Bezahlung. Dieses Konzept sehen wir auch in Deutschland durch Werkverträge. Es ist also kein spezifisch chinesisches Problem. Arbeitnehmende erhalten dann meist einen Vertrag, bei dem die Löhne basierend auf der produzierten Stückzahl berechnet werden. Das sorgt für zusätzlichen Druck und den Anreiz, mehr zu arbeiten als gesund ist.

Außerdem gibt es im Osten Chinas viele Wanderarbeiter*innen. Viele Menschen, mit denen ich sprach, verspürten einen starken inneren Druck, länger zu arbeiten und mehr Überstunden zu machen, um mehr Geld an die Familie und Verwandte in den Heimatort schicken zu können.

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was tun wir, um die situation zu verbessern?

Auch in unserer Fabrik ist die Situation noch nicht ideal. Die Gehälter sind schon ziemlich gut, aber die Arbeitszeiten sind noch zu hoch, vor allem in Spitzenzeiten, wenn viel zu tun ist. Es ist eine recht schwierige Situation und nicht so einfach zu lösen wie zum Beispiel die Brandschutzmaßnahmen (und die sind auch schon nicht einfach). Wir haben daher einen langfristigeren Plan und müssen kleinere Schritte gehen. 

Eine wichtige Erkenntnis war, dass wir lokale Expertise brauchen. Deswegen haben wir uns mit einem regionalen Partner zusammengetan, dem TAOS-Netzwerk. Hier vereinigen sich viele lokale Expert*innen mit langjähriger Erfahrung, die sich weniger als Auditor*innen, sondern eher als Trainer*innen verstehen. Nach einem ersten Besuch wurde der Status quo ermittelt und die wichtigsten Handlungsfelder aufgezeigt. Auf Basis dieser Erkenntnisse haben wir einen Corrective Action Plan (CAP) zusammen mit der Fabrik entwickelt, bei deren Umsetzung TAOS durch regelmäßige Besuche in der Fabrik unterstützt.

  • Das Thema subcontracting ist leider auch in unserer Fabrik gängige Praxis, weil es „einfacher” ist, eine gelernte Person zu finden, die dann ihr Team mitbringt und sich um alles kümmert. Wir arbeiten daran, dass diese Teams auch Arbeitsverträge mit unserer Fabrik abschließen.

  • bei unser Partnerfabrik haben wir eine Maschine zur Arbeitszeiterfassung installieren lassen, um überhaupt einen Überblick bekommen zu können wie viel Zeit jede*r Mitarbeitende tatsächlich in der Fabrik verbringt. Wir möchten, dass das Management aktiv darauf schaut, dass Menschen eine maximale Stundenanzahl nicht überschreiten, regelmäßig arbeitsfreie Tage haben und sie nicht einfach machen lässt. Das zu verändern, ist die wohl größte Herausforderung, die sich uns stellt.

  • wir möchten eine auf Stunden basierende Bezahlung einführen. Aktuell haben wir teilweise noch eine Bezahlung, die auf Stückzahlen basiert. Das setzt in unseren Augen einfach einen falschen Anreiz. Mit Sustify, ebenfalls ein Partner von uns (mehr dazu in Teil II und III), führen wir einen Workshop zum Thema Rights & Responsibilities durch, so dass die Arbeiter*innen ihre Rechte kennen.

  • Langfristig wollen wir versuchen, eine eigene Fabrik in Yongkang einzurichten, in der wir von einer Stückkosten-basierten hin zu einer stundenbasierten Vergütung und einer 40-Stunden-Woche kommen. Zusammen mit Cindy und Eason aus dem Management waren wir schon recht weit in den Planungen, aber dann hat uns Corona einen ziemlich großen Strich durch die Rechnung gemacht

Ihr seht, wir haben uns das richtig schwierige Thema für das Ende aufgehoben. Wir sind in diesem Bereich noch nicht so weit, wie wir gern wären, denn es hat einige Zeit gebraucht, um alles in voller Tiefe zu verstehen. Aber dennoch machen wir Fortschritte.

Wenn ihr Fragen oder Feedback habt, lasst uns das gerne wissen und schreibt an supplychain@soulbottles.com. Denn auch für uns ist das „Neuland” und auch wir sind nicht 100 % sicher bei jedem Schritt.

Mit jedem Kauf einer soulbottle steel unterstützt ihr dieses Projekt, ein Euro an Viva con Agua fließt pro Flasche natürlich sowieso.