Fast ein Liebesbrief:
unsere Flaschenpost.

Melde dich jetzt für unseren Newsletter an und erfahre als erste*r über neue Produkte, bekomme Insights aus unserem Team und erhalte Tipps für ein noch nachhaltigeres Leben. Jetzt anmelden!
Datenschutzbestimmungen

Bitte geben Sie eine gültige eMail-Adresse ein.
HeaderzsihAe6myEsSE

Von der Krise zur Transformation: 6 Perspektiven auf Corona, die Hoffnung stiften

Zugegeben: Hoffnungsvolle Erkenntnisse aus einer globalen Pandemie zu ziehen ist gewagt. Covid-19 hat und wird viele Menschenleben fordern und drastische wirtschaftliche Folgen haben, das möchte ich keinesfalls kleinreden. Doch gerade in einer Zeit, die viel Angst und Unsicherheit auslöst, tut es gut auch einen Blick auf die positiven Seiten zu werfen. Denn eins ist klar: schon jetzt hat das Coronavirus unsere Gesellschaft global verändert. Hier sind sechs Blickwinkel auf die Pandemie, die zeigen: Wir können so einiges aus der Corona-Zeit lernen!

 

1. Krisen sind ein Speed-Button für historische Veränderungen

Und plötzlich ist alles anders: Krisen stehen immer in Verbindung mit radikalen Veränderungen. Denn Momente des Chaos und der Dringlichkeit machen politische, gesellschaftliche und individuelle Entscheidungen realisierbar, die für eine lange Zeit für unmöglich gehalten wurden, oder schlicht außerhalb unseres Vorstellungsvermögens lagen. 

Um es in den Worten des Historikers Yuval Noah Harari zu sagen: „That is the nature of emergencies: They fast-forward historical processes.” Notfälle wirken also wie ein Vorspulknopf auf der Fernbedienung für historische Veränderungen. Und Corona, da ist sich Harari sicher, wird die Geschichte der Menschheit stark verändern. Er muss es ja wissen, schließlich hat er eben diese „kurze” Geschichte ja Millionen von uns mit seinen Büchern näher gebracht. 

Auch Ökonomen und Regierungen sehen schon jetzt Veränderungen, die gerne mit dem buzzword „unprecedented” versehen werden. Im Deutschen klingt das zwar nicht ganz so fancy, schaft aber trotzdem den obligatorischen Trommelwirbel in Headlines und Zitaten: noch nie dagewesen. Das World Economic Forum, bekannt unter anderem für seine jährliche Davos-Konferenz der supermächtigen Businesspeople und ebenso sehr einflussreichen (und beeinflussbaren) Politikmenschen, meldet also noch nie dagewesene Veränderungen in der Wirtschaft. Den kompletten Stillstand mittels weniger Wochen, der sich tatsächlich auf die gesamte Welt auswirkt, ist eine Situation, die wir in einer derartigen Geschwindigkeit, Intensität und globalen Ausbreitung noch nie erlebt haben, selbst zu Kriegszeiten oder während der Finanzkrise nicht. Und obwohl diese abrupt gezogene Notbremse die Fahrt des Turbokapitalismus erstmal ziemlich unbequem zum Halt gezwungen hat: lasst uns einen Blick auf die positiven Dinge werfen, die durch Corona plötzlich vom Spektrum des Unvorstellbaren in die einer mögliche Realität gerutscht sind!

 

2. Es gibt eine kollektive, menschliche Bereitschaft, unser Leben plötzlich und radikal zu verändern

„We’re all in this together” ist längst bedeutungsvoller geworden als der schwer zu verscheuchende High School Musical Ohrwurm meiner Pubertät: Es ist der Leitsatz unserer Corona-Zeit, und wohl niemals war er wohl so gültig wie jetzt. Denn wann haben wir als Menschheit jemals eine so umgreifende, kollektive Erfahrung gemacht, die sich (fast) gleichzeitig auf alle Regionen der Erde auswirkt? Die unser aller Leben im Privatesten trifft? Die gesamte Menschheit ist durch Corona zum ersten Mal komplett zeitlich vom selben, externen Phänomen betroffen und muss das eigene Leben dafür radikal anpassen. Das ist neu, und schafft ein Erlebnis, was wir alle für immer teilen werden.

Da ich hier über Gemeinschaft und kollektive Erfahrungen spreche, möchte ich eins noch kurz klarstellen: Nein, Corona trifft uns keinesfalls alle im gleichen Ausmaß, sondern verstärkt zumindest kurzfristig vorhandene Machtstrukturen. Besonders Menschen im globalen Süden, in Krisenregionen und Personen auf der Flucht sind Covid-19 auf ganz andere Arten ausgesetzt als Menschen in Deutschland. Und auch hierzulande erfahren Menschen sehr unterschiedliche Konsequenzen der Pandemie. Doch sollten wir nicht gerade wenn wir uns in einer eher privilegierten Situation befinden, jetzt alles geben um das Ruder rumzureißen?

Mit dem Virus haben wir eine gemeinsame Herausforderung, die wir nur durch unser aller Mitwirken besiegen können. Dass gerade Millionen an Menschen im Lockdown, freiwilliger oder angeordneter Quarantäne sind, Produktionen schließen und die Welt zum Stillstand kommt, beweist, dass die Verantwortung jeder*jedes Einzelnen endlich in den Köpfen und Herzen der Menschen angekommen ist.

Der „phänomenal schnelle Wandel”, so der Aktivist und Schriftsteller Charles Eisenstein, kommt vor allem, weil die Menschheit sich endlich hinter einem gemeinsamer Herausforderung vereint. Doch das allein reicht noch nicht ganz: Auch Wissen über die aktuelle Faktenlage, Vertrauen in die Medien und politische Entscheidungen sowie ein Verständnis über die akute Dringlichkeit des Problems spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Banal gesagt bewirken sie, wo auf der Spanne von Coronawitz bis konsequente Selbstisolation sich eine Person befindet, bevor die Regierung ihr die Entscheidung abnimmt.

Corona zeigt uns eine direkte Kausalkette zwischen unseren persönlichen Entscheidungen und deren Auswirkungen auf ein globales Problem. Wir kennen solche Kausalketten aus vielen Zusammenhängen in der Theorie, verschleiern diese aber gerne bequem hinter komplexen globalen Lieferketten, kognitiven Dissonanzen oder ausgeklügelten Verdrängungsmechanismen. Nicht so mit Corona: Verhaltensänderung ist von einem Moment auf den anderen wortwörtlich eine Frage des Überlebens geworden. Jetzt setzen alle das um, was uns seit Jahren Klimaaktivist*innen und Menschenrechtskämpfer*innen sagen, was wir in Zero-Waste-Diskussionen, Rassismusdebatten und Fair-trade-Bewegungen längst tausendmal gehört haben:

„Your behaviour changes the system. Your behaviour is needed to avoid a breakdown of the system.” - Otto Scharmer

 

3. Und plötzlich hören alle zu: Unsere wiederentdeckte Aufmerksamkeit für die Wissenschaft

Dass im Jahr 2020 Virolog*innen zu den bedeutendsten Menschen unserer Gesellschaft zählen und wir täglich medizinische News verfolgen, hätte wohl niemand vorausgesagt. Mir gibt das Ganze Hoffnung für eine Neuentdeckung der Wissenschaft, ähnlich wie es Rezo 2019 gefordert hat: Kann uns die aktuelle Krise lehren, wieder mehr auf Expert*innen zu hören und, noch viel wichtiger: wissenschaftliche Erkenntnisse auch tatsächlich in konkrete Maßnahmen und Gesetzestexte zu gießen?

Wie mit vielen Problemen auf dieser Welt gibt es verdammt schlaue Menschen, die noch viel schlauere Prognosen ausrechnen können und uns bildhafte Szenarien der Zukunft zeigen. In der Regel ist das in etwa so: Schöne Zukunftsbilder ergeben sich aus heute schon umsetzbaren Maßnahmen, unangenehme Bilder aus dem Wie-gehabt-weitermachen. Die Erklärungen der Szenarien, aber auch der Status Quo des Problems ist dabei meistens allseitig bekannt und mit einer Vielzahl an Studien hinterlegt.

Das Schwierige an der Geschichte: um wissenschaftliche Szenarien zu beeinflussen, ist in den allermeisten Fällen Handlung notwendig, bevor wir die Konsequenzen spüren – eine Strategie, die sich nicht allzu gut mit unserer Vorliebe für Bequemlichkeit und der uns bekannten Welt verträgt. Dazu kommt, dass die positiven und negativen Auswirkungen unserer persönlichen Entscheidungen oft erst nach Jahren nachzuweisen sind und sich in der Regel auf die Summe aller Handlungen beziehen. Der sofortige befriedigende Nebeneffekt, wie zum Beispiel nach dem Putzen meiner Wohnung, bleibt also aus.

Corona zeigt uns in einem sehr kurzen Zeitraum, dass Gegenmaßnahmen teuer, gefährlich und aufwendig sind, wenn die Auswirkungen bereits vorangeschritten sind. Es ist ein Spiel gegen die Zeit, bei dem die Wissenschaft unsere engste Verbündete sein kann. 

Und wer weiß, vielleicht lernen wir ja auch in anderen Bereichen, die Warnungen von Forschung und Wissenschaft so schnell in Taten umzuwandeln, dass wir den Ausbruch der nächsten Krisen abmildern oder sogar abwenden können?

 

4. Es gibt Indikatoren, die noch wichtiger als Wirtschaftswachstum sind

Egal ob auf individueller Ebene als Ausdruck von Erfolg und Status, auf Organisationsebene als Zeichen für Macht und, nunja, ebenso Erfolg, oder auf staatlicher Ebene als Indikator für gute Politik: die Vermehrung von Geld in Form von Einkommen, Kapital und Wirtschaftswachstum ist unfassbar tief in allen Bereichen unseres (Zusammen-)Lebens verankert. Seit Beginn des Kapitalismus prägt die Ideologie des Wachstums nicht nur unsere Köpfe, sondern auch die Politik und die Entscheidungen von Unternehmen. So ist es wenig überraschend, dass der wichtigste Indikator von Regierungen der Wachstum des Bruttoinlandprodukts ist. Denn Wachstum, so die Idee, bringt Wohlstand.

Das mit dem Wachstum ist wohl erstmal eine ganze Weile vom Tisch. Statt BIP messen wir nun Neuinfektionsraten, Genesungsquoten und den Zeitraum der Verdoppelung von Covid-19 Erkrankungen. Kurz: Gesundheit ist zum wichtigsten Maßstab für politischen Erfolg geworden.

Das mag sich in Angesicht der Gefahr durch eine zu schnelle Verbreitung des Virus zwar als selbstverständlich anfühlen und ist ohne Zweifel die einzig richtige Einstellung aktuell; dennoch ist es eine Besonderheit: Denn der Umgang mit Corona zeigt uns, dass eine Verschiebung von politischen Prioritäten hin zum Wohl der Allgemeinheit sinnvoll und notwendig ist.

Schon lange plädieren Wissenschaftler*innen, Autor*innen und Aktivist*innen für neue Maßstäbe der Politik, und einige wenige Staaten machen es vor: In Neuseeland gilt seit Mai 2019 nicht das Bruttoinlandsprodukt, sondern der Happiness Index als wichtigster politischer Indikator, gemessen an Verbesserungen in mentaler Gesundheit, Ungleichheiten, Kinderarmut, digitaler Transformation und einer nachhaltigen, emissionsarmen Wirtschaft. Ein neues Budget soll helfen, so eine „komplett neue Art für die Entscheidungsfindung der Regierung” zu schaffen, so Prime Minister Jacina Arden. Auch ermögliche dies laut Einschätzungen von Ökonomen, soziale und ökologische Faktoren abseits von Parteipolitik als gemeinsames Ziel zu formulieren.

Auch für Unternehmen ist nun ein Moment der Meta-Reflexion, in dem eine Frage endlich zentraler wird: Wozu sind Unternehmen überhaupt da? Sollen sie wirklich in erster Linie Profit maximieren, oder wäre eine Orientierung am Gemeinwohl nicht viel zielbringender? Können der Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit nicht genauso gute Indikatoren für Unternehmenserfolg sein, wie einst Profit und Wachstum? Spoiler: Ja, sie können nicht nur, sondern müssen dies auch.

Die Wirtschaft pre-Corona ist schon jetzt in einer tiefen Rezession, und Regierungen auf der ganzen Welt wissen: Sobald wir diese Krise überstanden haben, müssen wir die Wirtschaft komplett neu aufbauen. Doch hierbei gibt es zwei Herangehensweisen, die verschiedener nicht sein könnten: Entscheiden wir uns, die Welt wie wir sie kennen schnellstmöglich zu rekonstruieren, oder lernen wir aus bekannten Problemen und schaffen eine neue Form des Wirtschaften?

Die Wirtschaft vor Corona hat eine Welt geschaffen, in der 26 Superreiche so viel Geld besitzen wie 50% der Weltbevölkerung – oder 3.8 Milliarden Menschen. Eine Welt, in der, um das absurde Beispiel des einhorn-Mitgründers Waldemar Zeiler zu nehmen, die wirtschaftspolitische Fortschrittsampel „auch grün anzeigt, wenn z.B. Bienen aussterben und Unternehmen dafür Roboterbienen bauen oder Krankenhäuser [...] mehr Rendite einfahren durch das Einsparen von Arbeitskräften." Das Wirtschaftsmodell vor Corona war absurd, doch wir haben jetzt die Chance, nach dem Stillstand ein neues Modell zu verwirklichen, das nichts Geringeres schafft als eine gerechtere Welt, eine zufriedenere Menschheit und die Abschwächung der Klimakatastrophe.

 

5. Prevention over cure: Erkenntnisse der Coronakrise für Klimabewegungen

Wo wir schon beim Klima sind: Lasst uns die Corona Pandemie mit dem Klimawandel in Kontext stellen. Beides sind globale Probleme, die das Leben auf der ganzen Welt maßgeblich bedrohen, bei beiden kennen wir sowohl die Kennzahlen als auch die zerstörerischen Konsequenzen einer ungebremsten Ausbreitung. Man könnte auch sagen: bei beiden geht es um nichts weniger als Leben und Tod.

Durch unterschiedliche Herangehensweisen internationaler Regierungen lernen wir von der Ausbreitung der Corona Pandemie aktuell auf sehr harte Weise: Wenn wir erst handeln, sobald Auswirkungen sichtbar sind, ist es zu spät. Wir lernen, dass Prävention tatsächlich mehr bewirkt als eine spätere Bekämpfung von Symptomen, frei nach dem Motto: Was du (oder auch: deine Firma, bzw. deine Regierung) heute tu(s)t, hat eine direkte Wirkung auf die Intensität des Problems in der Zukunft.

Mit der Krise trauen wir uns nie dagewesene Eingriffe in das Privatleben von Millionen Menschen genauso wie einen kompletten Stillstand unseres Wirtschaftssystems. Eingriffe, die in der Klimapolitik lange als absolut undenkbar galten. Und trotzdem ziehen gerade alle mit.

Meist konzentriert sich die Debatte um den Zusammenhang von Corona und Umweltfaktoren auf die Reduktion von Emissionen. Unsere Natur und auch die Menschen können seit der Pandemie endlich wieder besser atmen. Satellitenbilder zeigen den starken Rückgang von Luftverschmutzung während des Lockdowns und Forschende berechnen, dass die Zahl der durch ausbleibende Luftverschmutzung geretteten Menschenleben die Todesfälle von Corona um ein vielfaches übersteigen könnte. Denn allein Luftverschmutzung ist laut WHO die Todesursache für ganze 7 Millionen Menschen im Jahr, alle anderen menschengemachten Umwelt- und Gesundheitsbelastungen einmal außen vor gelassen.

Doch es birgt sich ein gefährliches Missverständnis hinter der positiven Umweltperspektive auf die Corona Pandemie. Das aktuelle Ausbleiben von Emissionen ist lediglich eine zeitliche Verschiebung. Die Freude über das Erreichen von längst verpasst geglaubten Klimazielen ist toxisch für eine bessere Klimapolitik. Denn sie lenkt sehr schnell von der notwendigen strukturellen Transformation ab und verursacht Erfolgsgefühle, die absolut garnichts mit aktiven Klimamaßnahmen zu tun haben.  Noch dazu verpackt diese Narrative den Lockdown als nachhaltiges Lebensmodell. Klar, wer bekommt da nicht Lust, mehr Quarantä…, ach ne, Nachhaltigkeit in den Alltag zu integrieren. Es gibt wohl kaum eine unattraktivere Weise, um für sustainable lifestyles zu werben.

Auch wenn wir uns in diesen Wochen über die vermindertenökologischen Schäden der Wirtschaft freuen: die „Klimakrise bleibt wichtig, sie ist bedrohlich und geht nicht einfach weg, auch nicht in Corona-Zeiten”, so die Worte der Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Doch was aktuell geschieht, zeigt schlechte Karten für Umweltthemen während einer Pandemie: Corona dominiert die Debatten und wischt Klimaschutz vorerst von der Agenda. Der UN-Klimagipfel in Glasgow, eigentlich für November geplant, wurde schon abgesagt. Unter den Umständen die einzig richtige Entscheidung für eine Versammlung von ca. 30.000 Menschen, aber für den Klimaschutz ein heftiger Rückschlag, den das ökologische System nicht verkraften kann. Und auch in Deutschland greifen nun Industrieverbände die Notwendigkeit der beschlossenen Emissionsgebühren von 10€ pro Tonne CO₂ an. Die Begründung? Wie erwartet: enorme Emissionseinsparungen durch Corona sowie wirtschaftliche Einbußen, ebenso durch Corona. Dabei hatten sich Koalition und Opposition eigentlich schon auf eine Erhöhung auf 25€ geeinigt, welche nun zum Gesetz werden sollte. Aktuell findet man dieses Thema jedoch in keiner Vorhabensdokumentation unserer Bundesregierung, weil, nunja, Corona.

Doch ich wollte hier ja über Hoffnung schreiben, und dem will ich gerecht werden. Selbst wenn die die aktuellen Veränderungen in der Klimapolitik mich beunruhigen, sehe ich Corona allgemein auch als große Chance für eine Politik, die sich und ihren Bürger*innen wirkliche Veränderungen zutraut, die gemeinschaftliche Verantwortung neu kennengelernt hat und nun endlich an holistischem Wirtschaften interessiert sein könnte und die Schadensverursachende endlich zur Rechenschaft zieht. Wir wissen nun: schnelle und globale Maßnahmen sind gesellschaftsfähig, effizient und ersparten Unmengen an Leid und Kosten in der Zukunft.

 

6. Von Systemrelevanz und Klopapier: Menschliche Absurdität, Solidarität und Aufbruchstimmung

Mit Corona hat die Menschheit eine neue Leidenschaft für 5kg-Nudelpackungen und Klopapierstapel entdeckt, so viel ist klar. Was wir gerade erleben ist ein ziemlich wilder Mix aus Absurdität und Solidarität, #mefirst, Engagement und kreativer Aufbruchstimmung.

Ein neues Wort ist plötzlich in aller Munde: Systemrelevanz. Ein Begriff, der, man hört es schon, zwar wichtig für alle und jede*n ist, und dennoch in der Welt vor Corona so gut wie nie in unserem Wortschatz vorkam. Mit der Pandemie stehen Pfleger*innen, Krankenhausmitarbeitende, aber auch LKW-Fahrer*innen oder Supermarktregalbefüllende endlich im schon längst verdienten Rampenlicht. Sie sind diejenigen, die gerade Menschenleben retten und die aufs mindeste beschränkte Welt am Laufen halten – und endlich spüren wir das alle. Doch von Rampenlicht allein, und auch von nationalem Beifall, kann sich niemand von ihnen besser ernähren oder bekommt erträglichere Arbeitsbedingungen. Für diese muss die Politik nun schnellstmöglich sorgen, und endlich werden Betroffene nun von einer breiten Masse in ihren Forderungen unterstützt.

Eine interessante Beobachtung an Corona ist, dass sich die Gesellschaft plötzlich für Themen einsetzt, die sonst nur eine Randgruppe von Aktivist*innen beschäftigen. Wo die Politik nicht handelt, nehmen bewegte Einzelpersonen das Schicksal Betroffener auf eigene Faust in die Hand: Sei es, um bessere Bedingungen für besagtes Pflegepersonal zu schaffen, endlich dem Grundeinkommen eine Chance zu geben, oder die Berliner Clubszene per Livestreams zu retten. Schon nach verdammt kurzer Zeit im Lockdown können wir jetzt unseren Stammrestaurants und Lieblingsläden per Gutscheinkauf Notfallliquidität verschaffen oder uns online als Immunheld*in, Hilfesuchende*r oder Nachbarschaftssupporter*in registrieren.

In vielen Homeoffices muss knapp unter der auf den Kopf fallenden Decke auch eine großzügige Portion Aufbruchstimmung in der Luft hängen. Beim #WirvsVirus Hackathon der Bundesregierung suchten über 28.361 Menschen 48h Stunden lang nach den innovativsten bottom-up Lösungen für die Corona-Zeit. Das ist ein ziemlicher Weltrekord für eine Onlinekonferenz, die Menschen in Teams und Challenges aufteilt, damit diese unter enormem Zeitdruck von einer groben Idee zu einem fertig ausgetüftelten Lösungsplan kommen. Viele der 1.500 eingereichten Ideen werden schon heute eingesetzt, ausgerollt und weiterentwickelt.   

Man könnte meinen: Seit den ersten Coronafällen in Deutschland erleben wir eine wahrhaft beeindruckende Welle der Solidarität. In Hauseingängen und an Laternenpfählen klebten im Nu Zettel, die Einkaufshilfen für Nachbar*innen in der Risikogruppe oder kostenlose Kinderbetreuung anbieten. Die selbstgenähte Maske, die mehr dem Fremd- als Eigenschutz dient, ist plötzlich wortwörtlich auf aller Munde. Und egal ob Massenmeditation, tägliche Klavierkonzerte auf dem Balkon oder die von Angela Merkel erwähnten selbstaufgenommenen Podcasts von Enkel*innen an Großeltern: Aus dem Nichts sprossen sofort auch zahlreiche kreative Ideen, sich in der Zeit zu Hause bestmöglich zu verbinden und den frohen Mut nicht zu verlieren.

Krisenzeiten führen eben auch zu mehr Verbundenheit und Zusammenhalt, sie zeigen das Soziale im Menschen noch viel deutlicher als im Alltag. Auch über Wohnungslose, Menschen auf der Flucht oder Menschen, die tagtäglich mit häuslicher Gewalt leben, machen wir uns plötzlich mehr Gedanken. Die Situation dieser Menschen war schon vor der Krise prekär, und erlangt nun eine neue Sichtbarkeit in Form von gesellschaftlicher Empathie und medialer Aufmerksamkeit. 

Auch wenn unklar ist, wie viel Engagement nach der Krise übrig bleibt: Mir gibt die neue Art der Verbindung Hoffnung. Statt gelebtem Individualismus (Ego) stärken Erfahrungen in verbundenen Ökosystemen (Eco) unsere kollektive und individuelle Resilienz, also Widerstandsfähigkeit. Oder etwas weniger kompliziert ausgedrückt: Die Zeit der Solidarität, des Erfindungsreichtums und des gemeinsamen an-einem-Strang-ziehen stiftet nicht nur in der Krise Mut, Durchhaltevermögen und Sicherheit, sondern wird uns auch danach in Erinnerung bleiben und möglicherweise zumindest etwas Egoismus aus unseren Köpfen vertreiben. 

 

Die Transformation wird kommen, doch es liegt an uns, wie sie aussieht 

Der Stillstand durch Corona gibt uns die einmalige Chance eines Neustart-Buttons für das ökonomische, politische und ökologische System, in dem wir leben. Was wir jetzt brauchen sind konkrete Visionen, Ziele und Vorschläge für die Welt nach Corona, Illustrationen, die uns helfen, uns schon jetzt vorzustellen, wo wir später sein wollen. Wie der Erfinder Buckminster Fuller sagte: „You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete.” Wir brauchen also ein neues Modell für eine Welt nach Corona, an dem wir uns orientieren können

Ein mögliches Bild für ein solches System ist kreisrund mit Loch in der Mitte und wird im echten Leben meist mit Zuckerguss serviert: Ein Donut! Das Modell Doughnut Economics der Ökonomin Kate Raworth besteht aus der Kombination einer sozialen Basis, unter die kein Mensch fallen sollte (Loch des Donuts) und einer äußeren ökologischen Deckelung gemessen an den Planetary Boundaries (Äußerer Ring des Donuts). Zwischendrin liegt der sichere, faire und nachhaltige Handlungsspielraum für alle menschlichen und wirtschaftlichen Aktivitäten. Alles, was soziale oder ökologische Missstände hervorruft oder verschlimmert, ist Tabu.

Aber wie schaffen wir es hin zu einer derartigen Welt, wenn erstmal alles Kopf steht? Ich komme nochmal auf Yuval Noah Harari zurück: „Um uns zwischen Alternativen zu entscheiden, sollten wir uns nicht nur fragen, wie wir die akute Bedrohung überstehen, sondern auch, in welcher Welt wir leben, wenn der Sturm vorbei ist. Ja, auch dieser Sturm wird vorbeiziehen, die Menschheit wird überleben – doch wir werden in einer anderen Welt leben.” Sprich: Während der Krise und in Zeiten des Wiederaufbaus sollten wir uns stark daran orientieren, welches System wir damit in Gang setzen. Die wirtschaftliche Rezession ist in dem Sinne eine Chance, dass sie die Macht von Großkonzernen wieder mehr an Regierungen zurückspielt, welche in den kommenden Monaten über Konjunkturprogramme, Rettungspakete und Bazookas entscheiden werden. Das gibt uns die einzigartige Möglichkeit, die staatlich getriebene Wiederbelebung unserer Wirtschaft an neue Faktoren wie Emissionsneutralität, Lieferkettentransparenz und die Stärkung systemrelevanter Bereiche zu koppeln. Wir können Kredite mit strengen Auflagen für Nachhaltigkeit vergeben, die Bedingungen für wirkungsorientierte Akteur*innen verbessern und neue Formen des Eigentums und der sinnstiftenden Arbeit stärken. 

Es gibt wohl keine bessere Zeit als jetzt: Schocks können Wunder bewirken und Utopien möglich machen, schreibt auch Rutgar Bregman in Utopien für Realisten. Er ruft uns auf zu mehr Mut für neue Visionen, denn so unerhört sie auch sein mögen, Ideen haben die Welt verändert und sie werden es auch weiterhin tun.” 

Lasst uns also das Unmögliche unvermeidbar machen und Corona als Chance für den Aufbau einer gerechten und nachhaltigen Welt nutzen. Denn das ist es, was Krise (von griechisch: krisis) ursprünglich mal bedeutete: Entscheidender Augenblick.