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Wenn Unternehmen streiken: Klimaschutz braucht uns alle

Unternehmen müssen streiken, damit der Wandel kommt. Wir waren mit soulbottles beim globalen Klimastreik dabei, und werden es auch in Zukunft sein. Denn Klimaschutz braucht auch die Wirtschaft!

Langsam rollt der Lautsprecherwagen die Straße hinunter, das blaue Logo von Entrepreneurs for Future leuchtet auf den Seitenbannern. Bis an den Horizont sieht man eine schier unendliche Menge an Demonstrierenden, alle halten Banner in die Luft und fordern „Kohle ohne Kohle machen”, eine „CO2-neutrale Zukunft” und die „Work-Survival-Balance”. Wir sind so viele, wie noch nie! 

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Die Stimmung auf dem Globalen Klimastreik am 20. September 2019 ist schwer in Worte zu fassen. Es ist für uns alle ein überwältigender Tag voller Emotionen: Mut, Optimismus und Hoffnung haben uns genauso auf die Straße gelockt wie Wut auf die Handlungsstarre der Politik, tiefe Traurigkeit und wachsende Zukunftsängste. Doch jetzt, vereint mit 270.000 Menschen allein in Berlin, scheint die Veränderung greifbar nah. An diesem Freitag denken wir alle: die Fridays For Future Bewegung ist endlich in der Breite der Gesellschaft angekommen. Unter die Schüler*innen hinter der Bewegung mischen sich nun Eltern, Opas und Omas, Kunstschaffende und Wissenschaftler*innen – und zum ersten mal auch eine  Menge Unternehmen und Arbeitnehmer*innen.

 

3.600 Unternehmen legen die Arbeit nieder

soulbottles hat sich für den Streik dem Bündnis Entrepreneurs for Future (E4F) angeschlossen, welches Unternehmen, die sich für mehr Klimaschutz einsetzen, bundesweit vereint und gemeinsam acht Forderungen an die Politik. Bis zum Streiktag waren dies 3.600 Firmen mit über 220.000 Mitarbeitenden, inzwischen sind es schon mehr als 4.100. Dass auch die Wirtschaft für das Klima streikt und die Arbeit niederlegt, ist neu. Doch es ist dringend notwendig: Fridays For Future hat zwar unglaubliches geleistet, was die internationale Mobilisierung für Proteste angeht, politisch verändert hat sich aber kaum etwas. Für mehr Aufmerksamkeit und verantwortungsvolle Politik zogen deswegen nicht nur wir, sondern auch Tausende von anderen Unternehmen auf die Straße. Onlineshops wurden gesperrt, Arbeitsräume verschlossen und wer an dem Tag versucht hat, unseren Kundenservice zu erreichen, weiß: Anrufbeantworter mit Streikaufruf! 

 

... und wir organisieren spontan einen Demoblock

Hinter den Kulissen merkt man: Streiken ist ein unbekanntes Metier für viele Unternehmen. Klima ist allen im Bündnis wichtig, aber wie bringen wir das wirkungsvoll zum Ausdruck? Was ist legal erlaubt, was ist sinnvoll, und wie kommunizieren wir mit den Medien? 

Auf Hochtouren arbeiteten wir also an Berichten, feilten an der legalen Umsetzung und erstellten ein Klimastreikkit mit How-to-strike Guide für alle unserer Partner*innen. Ebenso ging mit jeder E-Mail aus dem soulbottles Team ein Streikaufruf heraus in die Welt. 

Doch bei Gesprächen mit Entrepreneurs for Future merken wir: Nur eine Woche vorher gab es noch immer keine Pläne für einen gemeinsamen Auftritt auf der Demo. Dabei sollten wir als Vertreter*innen der deutschen Wirtschaft, doch unbedingt gemeinsam Flagge zeigen! Gesagt, getan: Dann organisieren wir von soulbottles halt einen Demoblock. Auf der Pressekonferenz am Montag, vier Tage vor Streik suchten wir finanzielle Unterstützer*innen und legten Verantwortliche für Ordner*innenpositionen und Fahrende fest. Eva, unsere PR-soulie, machte sich auf die Suche nach einem Fahrzeug und koordinierte die Technik, Julian, eigentlich Business Development, half beim Fahren und der Montage. Unsere Customlady Julie verknüpfte uns mit einem großartigen DJ und wurde zur Chief Dancing Officer der Demo. Ich übernahm als „Super Action Hero” die Koordination mit den Fridays und Entrepreneurs for Future, suchte passende Redner*innen und stellte den Kontakt für die Medien. Unsere ganze Arbeitswoche raste dahin, doch irgendwie schien der Plan aufzugehen. Mittwochabend stellten wir mit Project Together noch ein öffentliches Bastelevent auf die Beine, es entstanden wunderbare Demoschilder und Banner. Donnerstagabend standen wir plötzlich mit Spraydosen in der Hand vor den Seitenbannern des Demowagens: „Keine Wirtschaft auf totem Planeten”, so das Motto, welches am nächsten Morgen unseren Wagen schmücken wird.

 

Rekordzahlen auf dem Klimastreik 

Und plötzlich war der Tag da: Zu hunderten scharten Unternehmen, Reporter*innen und Journalist*innen zum Pressetermin Business People on Global Climate Strike vor dem Bundesfinanzministerium. Gemeinsam zogen wir weiter auf den Klimastreik, und konnten selbst kaum fassen, was gerade passierte. Ich kletterte auf den Lautsprecherwagen und blicke bis zum Horizont in die Gesichter von tanzenden Entrepreneurs und Mitarbeitenden. Der DJ fährt die Musik runter, die Sonne strahlt hinter der Brücke hervor und ich bekomme Gänsehaut, während ich die Zahlen verkünde: Statt 50.000 erwarteten Demonstrierenden waren wir 270.000 in Berlin. Wir hatten alle Rekorde gebrochen. 

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Wieso als Unternehmen streiken?

Mit 114 Arbeitsstunden und knapp 1000€ an Kosten für Technik und co, sowie der Freistellung von 33 Mitarbeitenden für einen Tag sowie dem kompletten Shutdown unserers Onlineshops war der Klimastreik nicht ganz ohne für ein Unternehmen unserer Größe. Ein Aufwand, der es wert ist? 

Denn welchen Sinn hat es, als Firma zu streiken? Sollte man nicht lieber am eigenen Businessmodel schrauben, Petitionen starten oder Einnahmen spenden? Alles wichtige Punkte, keine Frage. Doch gerade für einen Generalstreik braucht es so viele Menschen und Interessengruppen wie möglich. Besonders die Wirtschaft hat ein enormes Wirkungspotenzial auf die Politik, welches den Druck der Zivilgesellschaft eventuell noch überbieten kann. Umso bedeutender ist es, dass nun die Unternehmen selbst auf die Straße gehen und beweisen: auch wir sind unzufrieden. Auch wir sind abhängig von einem gesunden Planeten. Auch wir verlangen, dass die Politik endlich handelt! 

 

Unternehmerischer Klimaschutz braucht Gesetze

Für wirklich effektiven Klimaschutz brauchen Unternehmen die Politik – anders wird es nicht gehen. Klimaschutz und die entsprechende Gesetze müssen als Grundlage jedes Handelns etabliert werden.

Laut Studien wünscht sich die Mehrheit der Vorstandsvorsitzenden strikte Klimaschutzgesetze um effektiver handeln zu können. Denn selbst wenn der Wandel langsam zumindest ein paar Köpfe in Chef*innenetagen erreicht hat, so ist er im profitorientierten Wirtschaftssystem schwer durchzusetzen; stehen doch Klimaschutzmaßnahmen in Konflikt mit dem Grundziel eines jeden klassischen Unternehmens: „to create shareholder value”. Keinen Satz habe ich während der fünf Jahre meines Business-Studiums häufiger gehört (und lautstark debattiert) als dieses Zitat von Michael Porter. Bis heute prägt der reine Fokus auf Wachstum und finanzielle Rendite den Geist der klassischen Wirtschaft, untermauert durch die kurzfristigen Logik von Quartalsgewinn, Jahreswachstum und Bonuszahlungen. Ein Grundsatz, der maßgeblich zur ökologischen Krise geführt hat, in der wir gerade stecken. 

 

Klimaschutz darf keinen Aufpreis kosten, sondern muss zur Norm werden

Während Fridays for Future es endlich geschafft hat, Klimathemen einen zentralen Platz in der öffentlichen Debatte zu erkämpfen und nachhaltige Unternehmen wichtige Vorreiterposition einnehmen, wird keine der beiden Strategien unsere Wirtschaft ausreichend verändern können. Die Klimakrise schreitet zu schnell voran, als dass wir uns auf freiwillige Konsumentscheidungen und sustainability-Branding verlassen können. Denn nach wie vor belohnen Preise jene Kaufentscheidungen, die sich am negativsten auf Umwelt und soziale Strukturen auswirken. Wer nachhaltig sein will, zahlt mehr.

Wenn unser System sich wirklich verändern soll, brauchen wir neue Spielregeln. Denn nur dann wird ressourcenschonendes Handeln massentauglich und dringt auch in besagte Chef*innenetagen profitorientierter Konzerne. Wenn Umweltschutz Gesetz wird, dann ist das Handeln aller gleichermaßen eingeschränkt. Kein*e einzelne*r Player*in bekommt einen Wettbewerbsnachteil durch ökologisch sinnvolle Strategien, stattdessen wird Nachhaltigkeit zur Norm. In einer solchen Zukunft brauchen wir weder Bio- noch Fairtrade-Siegel, sondern heben Regulierungen so lange schrittweise an, bis die selben Vorraussetzungen systemweit greifen. So ermöglichen wir allen Unternehmen ganz automatisch, klimastrategisch zu handeln und schaffen gleichzeitig für alle Konsument*innen – und nicht nur jene, die es sich leisten können – den Zugang zu nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen. Das, anstatt von freiwilligen Prämienszahlungen für ein grünes Gewissen, bewirkt die Transformation unseres Sozial- und Wirtschaftssystems. Denn ökologisches Handeln darf nicht länger preislich bestraft, sondern muss systemweit belohnt werden. 

 

Klimaschutz, wie wir ihn uns wünschen

Wie kann das klappen? Anfangen könnten wir zum Beispiel bei über 50 Milliarden Euro umweltschädigender Subventionen. Steuergelder, die die Erderhitzung auf legale Weise weiter vorantreiben. Allein diese sinnvoll zu investieren wäre ein gutes Anfangsbudget. Weiterhin können positive finanzielle Anreize und Subventionen, aber auch Verbote und Bußgelder das Verhalten von Konsument*innen und Produzent*innen gleichermaßen in die richtige Richtung lenken. Denn es ist nicht nur höchste Zeit für eine CO2-Kennzeichnung von Lebensmitteln, Produkten und Dienstleistungen, sondern auch für eine Preispolitik, die den wahren Wert genauso widerspiegelt wie den verursachten ökologischen Schaden. Zehn Euro pro Tonne CO2, wie es das Klimapaket der Bundesregierung aktuell vorsieht, sind zwar gerade genug um Verbraucher*innen zu nerven, die steuernde Wirkung jedoch bleibe aus, so der Konsens der nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina sowie der Stiftung 2 Grad. Laut Berechnungen des Umweltbundesamts sollte der Preis pro Tonne CO2 bei 180 Euro liegen.  

 

Wir brauchen kein Päckchen: Wo bleibt das Klimapaket? 

Rund die Hälfte der Deutschen hält das Klimapaket für unzureichend – zurecht: Laut aktueller Berechnungen des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin) wird das aktuelle Klimapaket sowie vorherige Klimaschutzmaßnahmen der Bundesregierung die im Koalitionsvertrag für 2020 festgelegten Klimaziele der Bundesregierung um fünf Jahre verfehlen - und auch Folgeziele werden so immer schwerer zu erreichen. Die aktuelle deutsche Klimapolitik, so die Wissenschaft, ist also nicht ausreichend um die Verpflichtungen des Pariser Klimaabkommens und die Obergrenzen für Treibhausgasemissionen einzuhalten. Sprich: Wenn sich nicht schnell etwas ändert, trägt Deutschland erheblich dazu bei, dass die vom IPCC, dem internationalen Klimarat der Vereinten Nationen, festgelegten Ziele zur Begrenzung der Erderhitzung auf 1,5°C verfehlt werden. Überschreiten wir diese Grenzen, können geologische Kipppunkte weitere Erhitzung sowie massenhafte Zerstörung von Artenvielfalt und unaufhaltbaren Klimawandel zur Folge haben. 

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1,4 Millionen waren nicht genug? Am 29.11. kommt der Global Day of Climate Action!

Ironischerweise wurde besagtes Klimapaket der Bundesregierung am 20. September 2019 publiziert, dem Tag des globalen Klimastreiks. Es scheint, als wären 1,4 Millionen Menschen, sowie die vereinte globale Wissenschaft hinter dem IPCC Bericht, noch nicht genug, um ausreichenden Klimaschutz in der deutschen Politik zu bewirken. Deswegen werden wir weiter auf die Straße gehen, und rufen gemeinsam mit Fridays und Entrepreneurs for Future am 29. November, kurz vor der Internationalen Klimakonferenz COP 25, den Global Day of Climate Action aus. Denn was könnte am wohl umweltschädigendsten Tag des Jahres – Black Friday – ein passenderes Statement sein? 

Wir sehen uns auf der Straße!